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Unterschiedliches Verlangen: ohne Schuldzuweisungen miteinander sprechen

Wenn ihr unterschiedlich viel Lust auf Sex habt, könnt ihr darüber sprechen, ohne eine Person von euch als Problem darzustellen. Erzähl, was du erlebst, frag, wie es deinem Partner oder deiner Partnerin damit geht, und hör erst einmal zu, bevor ihr nach einer Lösung sucht. Das Gespräch muss nicht mit einer Vereinbarung über Sex enden. Einander besser zu verstehen, kann fürs Erste genug sein.

Was unterschiedliches Verlangen bedeutet

Partner können sich darin unterscheiden, wie oft sie Sex haben möchten, welche Form von Intimität sie angenehm finden oder was sie dabei voneinander brauchen. Ein solcher Unterschied wird vor allem dann bedeutsam, wenn eine oder beide Personen darunter leiden. Es geht nicht darum, zu entscheiden, wessen Verlangen vernünftiger ist, und niemand schuldet der anderen Person Sex. Rutgers beschreibt unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche als etwas, worüber Partner sprechen können und wobei sie sich bei Bedarf Unterstützung durch eine Fachperson für Sexualtherapie holen können (Informationen von Rutgers zu unterschiedlichem Verlangen).

Versuch, dein Erleben zu beschreiben, ohne deine Partnerperson zu bewerten. „Ich vermisse manchmal unsere Intimität“ erzählt etwas über dich. „Du willst nie“ klingt wie ein Vorwurf und lässt wenig Raum dafür, wie die andere Person die Situation erlebt. Du musst auch nicht sofort einen Grund für den Unterschied finden.

Beginnt in einem ruhigen Moment

Wählt möglichst einen Moment, in dem ihr euch gerade weder näherkommt noch eine Zurückweisung erlebt. Frag zuerst, ob dein Partner oder deine Partnerin gerade Zeit zum Reden hat. Wenn es jetzt nicht passt, kannst du fragen, wann es besser wäre. Ein Gespräch außerhalb einer sexuellen Situation gibt euch die Möglichkeit, erst einmal nur zu reden. Danach muss nichts passieren.

Ein paar Möglichkeiten für den Gesprächseinstieg:

  • „Ich würde gern darüber sprechen, wie wir uns beide mit Intimität fühlen. Passt es gerade?“
  • „Ich vermisse manchmal unsere Nähe, möchte aber nicht, dass sich das nach Druck anfühlt. Wie erlebst du das?“
  • „Wollen wir darüber sprechen, ohne gleich etwas entscheiden zu müssen?“

Diese Sätze sind keine Formel, die jedes Paar verwenden muss. Passe sie so an, dass sie zu deiner Art zu sprechen passen. Wenn dir das Gespräch schwerfällt, kannst du vorher ein paar Gedanken aufschreiben oder erst einmal fragen, ob ihr euch später gemeinsam Zeit dafür nehmen könnt.

Frag nach und hör zu, ohne die Antwort vorzugeben

Stell eine offene Frage und lass Raum für eine Antwort, mit der du vielleicht nicht gerechnet hast. Zum Beispiel: „Wie fühlt sich Intimität für dich in letzter Zeit an?“ oder „Was gefällt dir daran, wie wir gerade mit Nähe umgehen?“ Du kannst auch fragen: „Möchtest du, dass ich vor allem zuhöre, oder wollen wir gemeinsam Ideen sammeln?“

Versuch nicht, die andere Person sofort zu überzeugen oder ihr zu erklären, was sie meint. Fass lieber zusammen, was du gehört hast: „Verstehe ich richtig, dass du dir Nähe wünschst, aber nicht möchtest, dass daraus automatisch Sex wird?“ Gib deinem Partner oder deiner Partnerin Gelegenheit, dich zu korrigieren. Eine Antwort ist eine Information darüber, was diese Person erlebt, keine Verhandlungsposition, die du ändern musst.

Beispiel: Enttäuschung und Druck gemeinsam ansprechen

Ein fiktives Beispiel: Noor möchte häufiger Sex als Sam. Noor merkt, dass sie enttäuscht ist, wenn aus einer Annäherung kein Sex wird. Sam empfindet körperliche Initiative manchmal als Erwartung. Keiner von beiden muss beweisen, dass die eigenen Gefühle schwerer wiegen.

Noor wählt einen ruhigen Moment und sagt: „Ich möchte etwas ansprechen, aber ich erwarte nicht, dass wir es jetzt lösen. Ich vermisse manchmal unsere Intimität. Wie geht es dir damit?“ Sam erzählt, was der Druck in ihm auslöst. Noor versucht erst einmal zusammenzufassen, was sie hört, statt sofort ihre Absicht zu erklären. Danach können sie darüber sprechen, welche Formen von Nähe für beide angenehm sind und welche nicht.

Vielleicht schlägt einer von ihnen vor, miteinander zu kuscheln. Das geht nur, wenn beide in diesem Moment Lust darauf haben. Ein Vorschlag ist kein Versprechen für später und muss nicht über das hinausgehen, womit sich beide wohlfühlen. Sie können auch beschließen, an diesem Abend nichts auszuprobieren und ein anderes Mal weiterzureden.

Ein Nein respektieren und das Gespräch pausieren

Ein Partner oder eine Partnerin darf einen Vorschlag ablehnen, ohne eine Alternative finden oder ausführlich erklären zu müssen. Wer ein Nein hört, darf enttäuscht sein und die Grenze trotzdem respektieren. Weiteres Drängen erschwert eine freie Entscheidung. Außerdem kann sich die Zustimmung ändern: Wenn eine Person von euch nicht mehr möchte, hört die Aktivität auf. Rutgers empfiehlt, Wünsche und Grenzen miteinander abzustimmen und bei Unsicherheit nachzufragen, was die andere Person möchte (Erklärung zu Einverständnis).

Wenn das Gespräch angespannt wird, kannst du eine Pause vorschlagen: „Wir müssen das nicht jetzt lösen. Wollen wir später weiterreden?“ Eine Pause bedeutet nicht automatisch, dass das Thema erledigt ist. Vereinbart nur dann, wann ihr weiterredet, wenn ihr das beide möchtet.

Findet eine gemeinsame Lösung, bei der niemand über die eigenen Grenzen geht

Fragt nicht nur danach, was seltener oder häufiger passieren sollte, sondern auch, was ihr beide gern möchtet. Vielleicht wünscht ihr euch mehr Zeit ohne Handys, klarere Signale oder körperliche Nähe, die beim Kuscheln bleibt. Eine gemeinsame Idee ist eine Einladung: Niemand muss sie umsetzen, wenn die Person gerade nicht möchte.

Wenn eine Person dreimal pro Woche Sex möchte und die andere einmal, ist zweimal nicht automatisch ein passender Kompromiss. Ihr könnt gemeinsame Zeit einplanen, aber nicht im Voraus festlegen, dass jemand dann Lust oder Einverständnis haben wird.

Wenn der Unterschied bestehen bleibt

Ein Gespräch kann klarer machen, was ihr möchtet, ohne den Unterschied aufzulösen. Fragt dann, womit jede Person auf längere Sicht leben kann und möchte. Du musst deinem Partner oder deiner Partnerin nicht das Gefühl geben, nicht genug zu sein, weil die Person weniger möchte. Genauso wenig musst du dein eigenes Verlangen verleugnen, nur weil der Unterschied schwierig ist.

Wenn ihr Unterstützung für solche Gespräche möchtet, könnt ihr eine Fachperson für Sexualtherapie in Betracht ziehen. Rutgers nennt unterschiedliches Verlangen als ein Thema, mit dem ihr euch dorthin wenden könnt. Die Unterstützung hilft euch dabei, eure Wünsche zu erkunden, ist aber keine Garantie dafür, dass ihr künftig dasselbe wollen werdet.