Was bestimmt die sexuelle Orientierung? Was die Forschung sagen kann und was nicht
Es gibt keine bekannte einzelne Ursache, die die sexuelle Orientierung aller Menschen erklärt. Die Forschung deutet auf eine komplexe Entwicklung hin, bei der verschiedene Einflüsse zusammenkommen. Das bedeutet auch: Aus einer Familiengeschichte, einer einzelnen Erfahrung oder einem genetischen Merkmal lässt sich nicht ableiten, warum sich eine bestimmte Person zu jemandem hingezogen fühlt.
LIEBESLEBEN erklärt, warum einfache Ursachen zu kurz greifen. Dass eine Frage noch offen ist, bedeutet nicht, dass du bewusst entscheidest, was du fühlst. Du musst deine Orientierung auch nicht erklären, um darüber sprechen zu dürfen.
Was wurde zum Beispiel über Gene untersucht?
Eine genetische Studie aus dem Jahr 2019 mit 477.522 Teilnehmenden fand mehrere genetische Zusammenhänge mit sexuellem Verhalten mit Menschen des gleichen Geschlechts. Die Ergebnisse ermöglichten keine aussagekräftige Vorhersage für einzelne Personen. Es handelte sich also nicht um einen Test, mit dem sich die Orientierung eines Menschen feststellen lässt.
Die Forschenden betonen selbst die Grenzen der Studie: Im Mittelpunkt stand die Frage, ob jemand jemals solches sexuelles Verhalten gezeigt hatte. Das ist enger gefasst als alles, was ein Mensch fühlt oder wie er sich bezeichnet. Außerdem umfasste die Stichprobe nur Menschen europäischer Abstammung. Die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf alle Menschen übertragen.
Anziehung, Verhalten und Identität sind unterschiedliche Dinge
Für die Forschung kommt es darauf an, was gefragt wird. Die National Academies unterscheiden drei Dimensionen, die nicht immer übereinstimmen:
| Aspekt | Worum geht es? |
|---|---|
| Anziehung | Zu wem du dich hingezogen fühlst und ob du solche Anziehung empfindest. |
| Verhalten | Welche Erfahrungen und Kontakte du bisher hattest. |
| Identität | Wie du deine eigene Orientierung erlebst und bezeichnest. |
Angenommen, ein Fragebogen fragt, mit wem du schon eine Beziehung hattest. Diese Frage sagt etwas anderes aus als „Zu wem fühlst du dich hingezogen?“ Ob jemand gerade eine Partnerperson hat, sagt ebenfalls nicht alles über die Gefühle dieser Person aus. Dieser Unterschied ist wichtig, wenn du eine auffällige Schlagzeile über eine Studie liest.
Drei Fragen zu einer Meldung über Ursachen
- Was wurde genau gemessen? Ein Label, Anziehung und sexuelles Verhalten sind keine austauschbaren Antworten.
- Wer hat teilgenommen? Schau dir die untersuchte Gruppe an, bevor du eine Schlussfolgerung auf alle Menschen überträgst.
- Ist ein Zusammenhang dasselbe wie eine Erklärung? Wenn zwei Dinge gemeinsam auftreten, beweist das nicht, dass ein einzelner Faktor die vollständige Ursache ist.
Diese Fragen helfen zum Beispiel bei einer Schlagzeile wie „Forschende entdecken, warum Menschen homosexuell sind“. Untersucht die Studie nur einen Zusammenhang mit Verhalten in einer bestimmten Gruppe, verspricht die Schlagzeile mehr, als die Forschung tatsächlich zeigt.
Was bedeutet das für dich persönlich?
Du musst keine Forschung heranziehen, um dich vor anderen zu rechtfertigen. Wenn du etwas erzählen möchtest, kannst du es in deinen eigenen Worten tun: „Ich weiß noch nicht, welches Label zu mir passt, aber ich weiß, was ich fühle.“ Und wenn dir jemand etwas Persönliches anvertraut, kannst du zuhören, ohne sofort nach einer Ursache zu fragen.
Neugier auf Wissenschaft und Respekt für die Geschichte eines Menschen können nebeneinander bestehen. Eine Frage wie „Möchtest du mehr darüber erzählen?“ lässt der Person selbst die Entscheidung, wie viel sie teilen möchte.