Beziehung ohne Intimität: Sprecht darüber, was Nähe für euch bedeutet
Eine Beziehung ohne Intimität kann bedeuten, dass es wenig oder gar keinen Sex gibt. Es kann aber auch heißen, dass die Partnerinnen und Partner wenig Berührungen, Zuneigung oder emotionale Nähe erleben. Der Begriff bedeutet nicht für jedes Paar dasselbe. Beginnt deshalb mit der Frage: Was verstehst du unter Intimität, und was fehlt dir oder soll genau so bleiben? Sex muss nicht das Ziel des Gesprächs sein. Niemand schuldet einer anderen Person Sex, Berührungen oder eine andere Form von Nähe, auch nicht innerhalb einer Beziehung.
Macht deutlich, worüber ihr sprecht
Für die eine Person bedeutet Intimität vor allem Sex. Die andere denkt eher an Kuscheln, Küssen, offene Gespräche oder das Gefühl, einander Aufmerksamkeit zu schenken. Manchmal geht es um mehrere Dinge, oder es ändert sich von Situation zu Situation, was sich gut anfühlt. Das muss nicht sofort ein Problem bedeuten. Es hilft aber, nicht davon auszugehen, dass ihr dasselbe meint.
Vervollständige für dich diese Sätze: „Mir fehlt …“, „Ich mag es, wenn …“ oder „Ich möchte lieber nicht …“. Vielleicht fehlt dir Sex, während nicht sexuelle Zuneigung sich gut anfühlt. Vielleicht wünschst du dir eher mehr Aufmerksamkeit oder Kontakt, ohne Sex zu wollen. Es kann auch sein, dass du mit der aktuellen Situation zufrieden bist.
Beginnt das Gespräch, ohne ein bestimmtes Ergebnis zu verlangen
Wählt einen Moment, in dem ihr nicht gerade streitet und beide Zeit habt. Ein Gespräch direkt nach einer Zurückweisung kann sich wie Druck anfühlen, doch noch etwas zu tun. Du kannst vorher fragen, ob dein Partner oder deine Partnerin offen für ein Gespräch ist:
„Ich möchte gern verstehen, wie wir uns beide mit der Nähe zwischen uns fühlen. Ist jetzt ein guter Moment, um in Ruhe darüber zu sprechen?“
Erzähle dann von deinen eigenen Erfahrungen, ohne sie als Vorwurf oder Forderung zu formulieren. „Manchmal fehlen mir unsere Gespräche und das Gefühl, dass wir einander wirklich Aufmerksamkeit schenken“ beschreibt konkreter, was in dir vorgeht, als „Du bist mir nie nah“. Frag auch, wie es der anderen Person damit geht. Zuhören bedeutet nicht, dass du sofort zustimmen oder eine Lösung versprechen musst.
Beispiele für unterschiedliche Situationen
Ihr habt unterschiedliche Bedürfnisse nach Sex
Du könntest sagen: „Mir fehlt der Sex mit dir. Ich möchte verstehen, wie es dir damit geht, ohne dass du jetzt etwas zusagen musst.“ Wenn dein Partner oder deine Partnerin zunächst nur darüber sprechen möchte, wie sich das Thema anfühlt, könnt ihr die Frage nach konkreten Veränderungen auf ein späteres Gespräch verschieben.
Dir fehlt Nähe, aber du weißt nicht genau, in welcher Form
Versuch es mit einer offenen Frage: „In letzter Zeit fühle ich mich dir etwas ferner. Würdest du mit mir gemeinsam herausfinden, welche Art von Kontakt sich für uns beide gut anfühlt?“ Überlegt gemeinsam, was in kleinen Schritten möglich wäre, zum Beispiel ungestört miteinander zu reden oder Zeit zusammen zu verbringen. Mach deutlich, dass eine gemeinsame Aktivität nicht automatisch zu Berührungen oder Sex führen muss.
Dein Partner oder deine Partnerin möchte gerade nicht darüber sprechen
Eine Absage des Gesprächs ist keine Zustimmung zu einem späteren Schritt. Du kannst aber fragen, ob ein anderer Zeitpunkt besser passen würde: „Das ist in Ordnung. Möchtest du selbst einen Zeitpunkt vorschlagen, oder soll das Thema vorerst ruhen?“ Wenn ihr beschließt, später weiterzureden, vereinbart nur etwas, womit ihr beide einverstanden seid.
Wenn das Gespräch unangenehm wird
Ihr müsst nicht sofort einen Kompromiss finden. Du kannst sagen: „Ich merke, dass ich gerade dichtmache. Können wir eine Pause einlegen?“ Oder fragen: „Möchtest du, dass ich erst einmal zuhöre, oder sollen wir gemeinsam nachdenken?“ Wenn sich ein Vorschlag nicht gut anfühlt, darfst du Nein sagen, ohne sofort eine Alternative anbieten zu müssen.
Wenn Gespräche immer wieder festfahren, könnt ihr überlegen, eine passende Paarberatung in Anspruch zu nehmen. Das ist eine mögliche Form der Unterstützung, keine Pflicht und keine Garantie dafür, dass eure Wünsche übereinstimmen.
Wenn ihr unterschiedliche Dinge braucht
Vielleicht findet ihr beide eine Beziehung ohne Sex gut. Vielleicht macht die Situation eine Person von euch unglücklich. Spielt diesen Unterschied nicht herunter, indem ihr sofort nach einer Vereinbarung sucht, die nur auf dem Papier funktioniert. Du darfst sagen: „Ich möchte deine Grenzen respektieren und gleichzeitig ehrlich sein: Auf längere Sicht fällt mir das schwer.“
Ihr könnt euch Zeit zum Nachdenken nehmen, gemeinsam Unterstützung suchen oder besprechen, ob die Beziehung noch zu euch passt. Ein Gespräch muss nicht mit dem Versprechen enden, mehr Sex zu haben. Auch eine Entscheidung über die Beziehung gibt niemandem das Recht, eine andere Person zu Berührungen zu überreden.