Erwartungen in einer Beziehung besprechen: von der Annahme zum Gespräch
Erwartungen in einer Beziehung besprichst du, indem du einen konkreten Wunsch oder eine Annahme benennst und fragst, wie die andere Person das sieht. Vielleicht möchtest du öfter gemeinsame Zeit einplanen, auf eine bestimmte Weise unterstützt werden oder Klarheit über Exklusivität haben. Ihr müsst euch nicht sofort einig werden. Zunächst geht es darum zu verstehen, was jede Person meint, und darüber zu sprechen, was für euch beide passt.
Was ist eine Erwartung?
Eine Erwartung kann ein Wunsch sein: Du hoffst zum Beispiel, dass ihr regelmäßig gemeinsam esst. Sie kann auch eine Annahme sein: Du glaubst, dass dein Gegenüber von sich aus fragt, wie dein schwieriger Tag gelaufen ist. Wenn du diese Erwartung nicht aussprichst, weiß die andere Person vielleicht nicht, worauf du hoffst.
Es hilft, drei Dinge auseinanderzuhalten: was du gern möchtest, was dir wichtig ist und worauf ihr euch gemeinsam einigt. Ein ausgesprochener Wunsch ist noch keine Vereinbarung. Und eine Vereinbarung bedeutet nicht, dass jemand sie immer genau einhalten kann. Wenn du diese Unterschiede beachtest, könnt ihr über unterschiedliche Vorstellungen sprechen, ohne sie gleich als fehlenden Willen oder Zurückweisung zu deuten.
Wähle ein konkretes Thema
Wähle eine Situation, in der eine Erwartung sichtbar wird: die Planung eines freien Samstags, was du dir nach einem anstrengenden Arbeitstag wünschst oder wie viel Absprache du möchtest, bevor jemand Besuch einlädt. Frag dich, was du erwartet hast und ob ihr das tatsächlich vereinbart hattet.
- Gemeinsame Zeit: Möchtest du öfter etwas im Voraus planen, lieber spontaner verabreden oder mehr Raum für eigene Pläne lassen?
- Unterstützung: Möchtest du, dass die andere Person vor allem zuhört, mit dir überlegt oder praktische Hilfe anbietet?
- Exklusivität: Was versteht ihr jeweils unter Exklusivität, und welche Vereinbarungen möchtet ihr in Bezug auf Dates oder Intimität mit anderen treffen oder nicht treffen?
Weitere Themen sind Geld, Aufgaben im Haushalt und Familienbesuche. Unterscheide zum Beispiel zwischen „Ich würde gern gemeinsam Urlaub machen“ und „Wir haben vereinbart, dass wir beide diesen Betrag sparen“. Das Erste ist ein Wunsch; das Zweite erfordert eine Vereinbarung, die ihr beide versteht und einhalten könnt.
So fängst du das Gespräch an
Wähle einen Moment, in dem ihr nicht in Eile seid. Du kannst vorher fragen, ob es gerade passt, etwas zu besprechen. Erzähl dann, was du erlebst oder dir wünschst, und lass Raum für eine eigene Antwort.
- „Ich würde gern öfter gemeinsame Zeit einplanen. Wie fühlt sich die Aufteilung für dich an?“
- „Wenn ich von einem schwierigen Tag erzähle, möchte ich manchmal einfach nur kurz alles loswerden. Magst du erst zuhören und danach fragen, ob ich einen Rat möchte?“
- „Ich würde gern besprechen, was Exklusivität für uns beide bedeutet. Welche Vereinbarungen würden sich für dich gut anfühlen?“
- „Ich habe selbst einen Wunsch dazu, möchte aber auch hören, wie du das siehst. Wollen wir gemeinsam herausfinden, was machbar ist?“
Formuliere eine Bitte möglichst konkret. „Mehr Aufmerksamkeit“ kann für die eine Person bedeuten, gemeinsam zu frühstücken, und für die andere, tagsüber eine Nachricht zu bekommen. Erklär, welche Geste du meinst, und frag, was sich für die andere Person gut anfühlt und machbar ist. Ein Gespräch darf auch mit unterschiedlichen Meinungen enden. So wird deutlich, worüber ihr noch sprechen müsst.
Ein Beispiel aus dem Alltag
Stell dir vor, Noor hofft, dass ihr Gegenüber fragt, wie ein wichtiger Arbeitstag gelaufen ist. Wenn diese Frage ausbleibt, ist Noor enttäuscht. Statt „Du fragst nie, wie es mir geht“ kann sie sagen: „Nach so einem Tag tut es mir gut, wenn du kurz fragst, wie es gelaufen ist. Wäre das für dich in Ordnung? Und was ist für dich angenehm, wenn du selbst einen anstrengenden Tag hattest?“
Noors Gegenüber kann erzählen, dass diese Frage nicht von selbst in den Sinn kommt, oder sagen, was sich für diese Person gut anfühlt. Gemeinsam können sie beschließen, eine kleine Vereinbarung auszuprobieren: Wenn eine Person Bescheid gibt, dass ein aufregender Tag bevorsteht, fragt die andere am Abend danach. Später können sie besprechen, ob das für beide funktioniert. Es ist ein Vorschlag, keine Garantie, dass es immer klappt.
Wenn ihr unterschiedlich denkt oder das Gespräch stockt
Du musst eine Gesprächspause nicht sofort füllen und auch nicht gleich zu einer Entscheidung kommen. Wenn deine Frage wie ein Vorwurf klingt, kannst du es klarstellen: „Ich möchte dir keinen Vorwurf machen. Ich versuche zu erklären, worauf ich hoffe.“ Weiß die andere Person noch nicht, was sie davon hält, frag, ob ihr später noch einmal darauf zurückkommen könnt.
Merkst du, dass eine Person von euch eine Pause braucht, vereinbart auch, wann ihr das Thema wieder aufgreift. Zum Beispiel: „Wollen wir jetzt kurz aufhören und morgen weiterreden?“ So ist klar, dass das Gespräch noch offen ist. Du darfst auch sagen, dass du mit etwas nicht einverstanden bist. Etwas zu besprechen bedeutet nicht, dass jemand einen Wunsch übernehmen muss.
Eine Vereinbarung noch einmal besprechen
Eine frühere Vereinbarung passt vielleicht nicht mehr, wenn sich die Arbeit, das Einkommen oder die Betreuungsaufgaben ändern. Sag, was sich verändert hat: „Wir hatten vereinbart, dass ich den Besuch organisiere, aber mit meinem neuen Arbeitsplan schaffe ich das nicht mehr auf dieselbe Weise. Können wir die Aufgaben neu aufteilen?“
Besprecht sowohl, was du gern ändern möchtest, als auch, was gilt, bis ihr eine neue Vereinbarung getroffen habt. Erwarte nicht, dass die andere Person von selbst versteht, dass eine Vereinbarung nicht mehr gilt. Und wenn etwas nicht machbar ist, sag es, bevor daraus immer wieder eine Enttäuschung wird.