Shere Hite: Wie ihre Forschung zur Sexualität etwas veränderte
Shere Hite war Autorin, Sexualaufklärerin und Feministin. 1976 erschien The Hite Report: A Nationwide Study of Female Sexuality, basierend auf anonymen Antworten von Frauen zu ihren sexuellen Erfahrungen. Ihre eigenen Stimmen standen im Mittelpunkt. Die Schlesinger Library bewahrt ihr Archiv auf.
Was untersuchte sie?
Hite stellte Fragen zu Verlangen, Lust, Frustrationen und Orgasmen. Unter anderem widmete sie sich der Masturbation und der Stimulation der Klitoris. Das Buch trug Erfahrungen zusammen, die die Vorstellung infrage stellten, dass Penetration selbstverständlich im Mittelpunkt jeder sexuellen Erfahrung steht.
Ihr Fragebogen enthielt viele offene Fragen. Die Teilnehmerinnen konnten also in eigenen Worten erzählen, statt nur eine Antwort anzukreuzen. Tausende anonyme Antworten bildeten die Grundlage des Buches. Harvard Radcliffe beschreibt diese Vorgehensweise und das Interesse, das das Buch damals weckte.
Warum sind eigene Worte wertvoll?
Mit einer offenen Frage kannst du etwas erfahren, für das du vorher keine Antwortmöglichkeit vorgesehen hattest. Stell dir vor, ein fiktiver Fragebogen fragt: „Was macht Intimität für dich angenehm?“ Jemand könnte von Aufmerksamkeit, Ruhe oder dem Gefühl schreiben, verstanden zu werden. Das führt zu einem anderen Gespräch als die Frage „Bist du zufrieden: ja oder nein?“
Das ist ein ausgedachtes Beispiel und keine Frage oder Antwort aus Hites Forschung. Es zeigt jedoch, warum die Form einer Frage wichtig ist. Das Pew Research Center erklärt, wie offene und geschlossene Fragen unterschiedliche Antworten hervorbringen können.
Eine Sammlung von Erfahrungen ist keine Aussage über alle
Wenn viele Teilnehmerinnen etwas erwähnen, ist es ein Muster in ihren Antworten. Ob dasselbe Muster bei Menschen, die nicht teilgenommen haben, genauso häufig vorkommt, ist eine andere Frage. Dabei spielen die Auswahl der Teilnehmerinnen und ausbleibende Antworten eine Rolle. Ein großer Stapel ausgefüllter Fragebögen löst diesen Unterschied nicht von selbst auf. Die methodische Erklärung von Pew macht den Unterschied verständlich.
| Du liest | Eine angemessene Lesart |
|---|---|
| Eine Teilnehmerin beschreibt eine Erfahrung. | Das ist die Geschichte dieser Person. |
| Ein Thema kommt wiederholt vor. | Es zeigt sich bei mehreren Teilnehmerinnen. |
| Eine Überschrift spricht von allen Frauen. | Prüfe, ob das Studiendesign eine so weitreichende Schlussfolgerung stützt. |
Wie liest du Hite heute?
Lies das Buch als historischen Beitrag zur Diskussion über Sexualität. Eine Geschichte, in der du dich wiedererkennst, kann dich zum Nachdenken bringen; eine andere kann zeigen, wie unterschiedlich Erfahrungen sein können. Du musst dein eigenes Leben nicht an einem Buch oder einem Durchschnitt messen.
Bei einem auffälligen Prozentwert lohnt es sich, zur Frage zurückzugehen: Wer hat geantwortet, worauf genau und in welchem Zeitraum? Das ist hilfreicher, als eine Zahl losgelöst als zeitlose Wahrheit weiterzuerzählen.
Die Bedeutung von Hites Arbeit und Kritik an Forschungsmethoden schließen einander nicht aus. Du kannst es wertschätzen, dass Menschen selbst zu Wort kamen, und zugleich sorgfältig damit umgehen, was ihre Antworten belegen.