Warum gehen Menschen fremd? Den Kontext verstehen, ohne das Verhalten zu entschuldigen
Warum jemand fremdgeht, hat nicht immer eine eindeutige Ursache. Persönliche Wünsche, Probleme in der Beziehung und äußere Umstände können eine Rolle spielen. Das kann helfen, der Frage nachzugehen, macht die Entscheidung aber nicht unausweichlich und verlagert die Verantwortung nicht auf die betrogene Person.
Was bedeutet Fremdgehen in einer Beziehung?
Fremdgehen bedeutet nicht für alle dasselbe. Für manche liegt bereits ein heimlicher Flirt außerhalb der Vereinbarungen; für andere geht es um romantischen oder sexuellen Kontakt. Paare können ausdrückliche Vereinbarungen dazu treffen, aber auch unterschiedliche Erwartungen haben, über die sie nie richtig gesprochen haben.
Deshalb hilft es, konkret zu benennen, was deiner Meinung nach passiert ist und an welche Vereinbarung du dabei gedacht hast. Kontakte zu anderen, die beide offen miteinander vereinbart haben, sind etwas anderes als Kontakte, die eine Person entgegen einer gemeinsamen Vereinbarung verheimlicht. Entscheidend ist nicht, welches Etikett du einer Beziehungsform gibst, sondern was die Beteiligten miteinander vereinbart und verstanden haben.
Welche Motive können eine Rolle spielen?
In einer Befragung von 495 überwiegend jungen Erwachsenen wurden verschiedene Motive genannt: weniger Liebe oder Verbundenheit, die Suche nach Bestätigung, sexuelle Abwechslung und situative Faktoren. Es handelte sich um Selbstauskünfte und nicht um eine nachgewiesene Ursache für jede Affäre.
Für deine Situation ist vor allem wichtig, was die Person mit einer solchen Erklärung meint. „Mir hat etwas gefehlt“ bleibt vage. Ging es um einen Wunsch, der nie angesprochen wurde, um Zweifel an der Beziehung oder um die Entscheidung, eine Vereinbarung zu missachten? Die folgenden Fragen sind Anregungen für ein Gespräch und kein Test, mit dem sich das tatsächliche Motiv feststellen lässt.
| Was jemand sagt | Eine Frage, die es konkreter macht |
|---|---|
| „Ich fühlte mich nicht gesehen.“ | „Was genau hat dir gefehlt, und warum hast du diesen Kontakt verheimlicht?“ |
| „Ich wollte etwas anderes erleben.“ | „Wie passte dieser Wunsch zu den Vereinbarungen, die wir getroffen hatten?“ |
| „Ich hatte schon Zweifel an uns.“ | „Wann hast du das bemerkt, und was hast du mir damals davon erzählt?“ |
| „Es ist einfach passiert.“ | „Welche Entscheidungen hast du getroffen, bevor es passiert ist und danach?“ |
Eine ehrliche Antwort kann unangenehm sein. Das ist etwas anderes als eine Antwort, in der dir die Verantwortung für das ganze Geschehen zugeschoben wird. Über Probleme zu sprechen ist in Ordnung. So zu tun, als wäre Fremdgehen die einzig mögliche Reaktion gewesen, hilft jedoch nicht dabei, Verantwortung zu übernehmen.
Fragen stellen, ohne dir selbst die Schuld zu geben
Wenn du ein Gespräch führen möchtest, such dir einen Zeitpunkt aus, an dem du nicht alles schnell zu Ende bringen musst. Du kannst vorher festlegen, welches Thema du ansprechen möchtest, wie lange du reden willst und welche Einzelheiten du vorerst nicht hören möchtest. Du musst kein Gespräch führen, bevor du dazu bereit bist.
- „Ich möchte verstehen, welche Vereinbarungen deiner Ansicht nach zwischen uns galten. Wie hast du das gesehen?“
- „Was hat dazu geführt, dass du diesen Kontakt vor mir verheimlicht hast?“
- „Ich möchte jetzt wissen, was das für unsere Vereinbarungen bedeutet. Einzelheiten möchte ich vielleicht später besprechen.“
- „Ich kann heute kurz darüber sprechen. Danach brauche ich Zeit zum Nachdenken.“
Du musst nicht fragen: „Was hätte ich anders machen sollen?“, wenn es sich für dich so anfühlt, als müsstest du damit die Entscheidung der anderen Person in Ordnung bringen. Wenn du möchtest, kannst du später getrennt davon besprechen, was in der Beziehung los war.
Wenn du selbst fremdgegangen bist
Versuche, deine Erklärung so zu formulieren, dass dein eigenes Handeln darin sichtbar bleibt. „Ich fühlte mich einsam und habe mich entschieden, diesen Kontakt zu verheimlichen“ ist etwas anderes als „Wegen dir musste ich das tun“. Ihr könnt später gemeinsam besprechen, was in der Beziehung los war, ohne das zur Voraussetzung für deine Verantwortungsübernahme zu machen.
Erwarte auch nicht, dass ein einziges Gespräch sofort Vertrauen wiederherstellt. Die andere Person kann Fragen stellen, Zeit brauchen oder entscheiden, dass sie die Beziehung nicht fortsetzen möchte. Antworte nicht mit einer beruhigenden Geschichte, für die du nicht einstehen kannst, und setze die andere Person nicht unter Druck, schnell zu verzeihen.
Beispiel: erst Klarheit gewinnen, noch keine endgültige Entscheidung treffen
Ein fiktives Beispiel: Sam erfährt, dass in der Beziehung Nachrichten mit einer früheren Beziehungsperson verheimlicht wurden. Sam weiß noch nicht, ob mehr passiert ist, und merkt, dass Gespräche schnell in Vorwürfe abgleiten. Sam kann sagen: „Ich möchte verstehen, was passiert ist und was du verheimlicht hast. Ich möchte mir jetzt keine Nachrichten vorlesen lassen. Lass uns zuerst darüber sprechen, bevor wir entscheiden, wie es weitergeht.“
Das Gespräch muss nicht sofort zu einer Versöhnung oder Trennung führen. Sam kann danach aufschreiben, was klar geworden ist und was noch offen ist. Die andere Person kann etwas erklären; Sam muss das nicht sofort akzeptieren und muss auch noch keinen nächsten Schritt zusagen.
Was, wenn du keine schlüssige Erklärung bekommst?
Vielleicht bleibt die Antwort unklar oder die Geschichte ändert sich. Dann kannst du sagen, welche konkreten Informationen dir noch wichtig sind: Besteht der Kontakt noch, welche Vereinbarungen wurden verletzt und was möchte die andere Person jetzt? Das sind andere Fragen, als jedes Detail der Affäre wissen zu wollen.
Du musst nicht beweisen, dass ein Motiv gut oder schlecht genug ist, um deine eigene Grenze ernst zu nehmen. Wenn du herausfinden möchtest, ob ein Neuanfang möglich ist, kann eine passende Beratung eine Option sein. Wenn du die Beziehung beenden möchtest, musst du nicht erst eine vollständige Erklärung bekommen. Ein Gespräch ist keine Pflicht, wenn du Angst vor Zwang oder Gewalt hast.
Bedeutet Fremdgehen, dass die Beziehung nie gut war?
Du musst eure gemeinsame Vergangenheit nicht mit einem einzigen Urteil versehen, um einen Vertrauensbruch ernst zu nehmen. Schöne Erinnerungen machen das Geschehene nicht unwichtig, und der Schmerz von heute macht diese Erinnerungen nicht automatisch unwahr. Was du mit der Beziehung machen möchtest, darf davon abhängen, wie die Situation jetzt aussieht, welche Antworten du bekommst und wo deine eigenen Grenzen liegen.